Doppelte Staatsbürgerschaft
Gedanken eines Weltbürgers
(joe) In einer Zeit der Globalisierung, die aufgrund technischer Neuentwicklungen in
rasanter Geschwindigkeit zusammen-schrumpft, pocht und brodelt es in deutschen Landen um
die doppelte Staatsangehörigkeit, als ob ein Vulkan kurz vor seinem Ausbruch stünde.
Warum eigentlich?
Wir internetten um den Globus, jetten von Frankfurt nach Bangkok, e-mailen mit
Chinesen, gehen mit dem Handy auf die Toilette, lassen in Johannesburg per Scheckkarte
abbuchen, heben in Jakarta mit unserer Pinnummer vom ATM Geld in Landeswährung ab und
tragen fast alle den computerlesbaren Paß mit uns herum. All diesen technischen
Errungenschaften zollen wir ein absolutes Vertrauen und integrieren es widerspruchslos in
unser Dasein. Oft fühlen wir uns geradezu unsicher und nackt ohne ihre Existenz. Keine
Mastercard, kein Mensch! Und in Zukunft heißt es:" Vergiß deine ID-Karte,
deine Pinnummer und deine Paßwörter", denn dein Körper ist deine
ID-Karte." Wie das?
Deine ID-Karte oder der veraltete Personalausweis wird durch ein biometrisches System
ersetzt, daß die einzigartigen Charakteristiken deines Körpers zur Identifikation
prüft. In Sekunden und zwar fast 100%, z.B. mit der Augenanalyse. Die Iris hat 266
meßbare Charakteristika und ist damit der beste Körperteil der elektronischen
Identifi-zierung. Dagegen unterliegen die alten Fingerabdrücke mit 40 Charakteristika
deutlich. Diese Neuerungen setzten aber unsererseits absolutes Vertrauen in die Technik
und ihrer Entwickler voraus.
Wendet sich deshalb unser Mißtrauen in Bezug auf die Staatsbürgerschaft dem Nächsten
zu?
Warum vertrauen wir Maschinen, unbekannten Bankangestellten und Chips heutzutage? Nicht
Verwandtschaften, Freundschaften oder persönliche Gunst sollen nach dem Willen der
Zukunftsingenieure und Politiker entscheiden, sondern das, was als das Beste"
erklärt wird. Dabei kann es dazu kommen, daß wir mit dem Freund konkurrieren, ihm sogar
in den Rücken fallen und Unbekannte bevorzugen. Unsere intuitive Bevorzugung persönlich
bekannter Menschen entfällt mehr und mehr. Im Sinne einer allgemeinen Gesetzgebung sollen
wir alle gleich behandeln. Wer das nicht tut, wird verklagt.
Vor dem Gesetz sind alle" gleich. Manche aber gleicher"! Immer
anonymere, entferntere Instanzen entscheiden über den Ausgang dieser Kämpfe.
Der Kulturanthropologe W. Schiffauer hat in seinem Aufsatz Die civil society und
der Fremde" durchgespielt, wie verschiedene Kulturen mit diesem Vertrauen und seinen
daraus resultierenden Zumutungen umgehen. In Frankreich, so Schiffauer, haben zuerst die
absolute Monarchie und dann der Jakobinismus dafür gesorgt, daß die Partikularitäten
der Kulturen aus dem öffentlichen Raum verbannt blieben zugunsten universeller Regeln der
Vernunft. Freiheit und Gleichheit sind hier fast identisch; deshalb hat Frankreich die
schärfsten Antidiskriminierungsgesetze Europas. Sind alle rechtlich gleichgestellt, kann
man sie ins freie Spiel der Kräfte entlassen - sie werden ohnehin der universellen
Vernunft zustreben.
England, ein organisch gewachsenes Rechtsgebiet, besteht aus lauter Enklaven, Gemeinden
mit Gewohnheitsrechten, Nischen und Subkulturen, die, wenn nötig, eine gemeinsame
Entscheidung nach dem Modell des Mannschaftssportes hervortreiben. Fair play, aber
durchaus rücksichtslos. Es scheint mir", schreibt Schiffauer, daß
sowohl in Frankreich, wie auch in England ein Vertrauen darauf existiert, daß sich das
Allgemeinwohl schon einstellen wird, wenn nur die gesel-lschaftlich vorgesteckten Grenzen
stimmen: in Frankreich, wenn die Gleichheit hergestellt ist und sich die einzelnen an die
gesetzlich vorgegebenen Regeln halten; in Großbritannien, wenn die Freiheitsrechte des
einzelnen unangetastet bleiben und die, natürlich auch gesetzlich fixierten Regeln des
Schlagabtausches eingehalten werden.
In beiden Fällen wird Regelbejahung gefordert, die dann den geordneten
gesellschaftlichen Wettbewerb erlaubt, der schließlich zur Herausbildung des Gemeinwohles
führen soll.
In welches Dilemma uns der Allgemeingültigkeitsanspruch stürzt, beweisen die
aktuellen Auseinander-setzungen um Forderungen nach Loyalitätsprüfungen, die der
Auszeich-nung" mit der deutschen Staatsbürger-schaft vorangehen sollen.
Damit erkenne der Antragsteller die freiheitlich-demokratische Grundordnung
an", so Otto Schily. Es soll geprüft werden, ob es nicht lediglich äußere,
lediglich materielle Gründe sind, die den Ausländer veranlassen, seinen Antrag zu
stellen.
Liebt er uns auch wirklich um unserer selbst Willen? Sind wir unserer selbst so wenig
sicher, daß der Ausländer uns seine Zuneigung bescheinigen muß? Verlieren die Deutschen
denn nie ihren Minderwertigkeitskomplex?
Können wir nicht mit Selbstverständnis national denken, wie Engländer, Franzosen,
Spanier?
Man kann diese deutsche Eigenschaft an etlichen Institutionen deutlich machen.
Schiffauer nennt den Rat der Weisen" als Ausdruck der Skepsis gegenüber dem
freien Spiel der Tarifparteien, oder das ausgedehnte Beamtentum, das ängstlich dem Druck
der Straße entzogen wird. Es ist die Pädagogik, schon seit der Aufklärung, die dem
einzelnen zu der inneren Reife verhelfen soll, die ihn zum würdigen Teilhaber des
Allgemeinen macht. Die Deutsche ganz normal stolz auf Deutschland sein lassen könnte.
Aber Regeln ist nicht zu trauen, sie sind nur äußerlich". Überdies erfordern
Regeln, daß die einzelnen aktiv miteinander agieren, zugleich aber Distanz wahren und
Fremdheit hinnehmen. Statt dessen entlädt sich die Furcht vor der eigenen Unfähigkeit in
der Ablehnung des Fremden.
Der Ruf nach den alles regelbaren Gesetzen resultiert aus mangelndem Vertrauen. Wie
aber läßt sich Vertrauen erringen, wenn zuerst die öffentlichen Mittel für die
Bildungseinrichtungen aufgrund von Sparmaßnahmen weiter gekürzt werden? Jeder ist
irgendwo und irgendwann einmal auf diesem Planeten ein Fremder. Und jeder hat dieses
Gefühl und diese Situation bereits kennengelernt. Man traut ihm nicht, nur seiner
Scheckkarte! Ist das begründet? Lassen Sie uns lieber unseren Freunden vertrauen -
Türke, Thailänder oder Deutsche. Jeder von uns, jeder Bürger, ist gefordert einen
Schritt nach vorn zu tun auf diesen Fremden zu, um das Vertrauen zu erreichen, was wir uns
letztlich sehnlich wünschen.
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